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EXKLUSIV: Ex-Nationalspieler Cacau über DFB-Entscheidung, WM 2026 und Felix Magath

Zudem spricht der 45-Jährige über seine entbehrungsreiche Kindheit und erklärt, warum die Vuvuzelas bei der WM 2010 auf dem Rasen zu einem echten Problem wurden.

Sie sind im Hinterland von São Paulo geboren und aufgewachsen und haben Ihre Laufbahn bei Palmeiras begonnen. Wie hat es sich angefühlt, das Trikot einer Nationalmannschaft zu tragen – und das von einem Land, in dem Sie sich als Kind wohl nie vorgestellt hätten zu leben?

Das ist wirklich unbeschreiblich. Damals war so etwas absolut unvorstellbar. Mein Weg verlief ja ganz anders als der vieler brasilianischer Profis, die direkt für die Bundesliga gescoutet und gekauft werden. Ich habe bis zur U17 in der Jugend von Palmeiras gespielt und wurde dann entlassen. Danach folgten Stationen im Amateursport von São Paulo und eine kurze Zeit bei Nacional-SP.

Im Jahr 2000 kam ich schließlich nach Deutschland, um mein Glück zu versuchen. Ich stellte mich bei Türkgücü München vor, einem von der türkischen Community geprägten Fünftligisten. Über die vierte Liga bei den Amateuren des 1. FC Nürnberg schaffte ich dann den Sprung in die Bundesliga-Mannschaft. Danach kam Stuttgart, die Meisterschaft und schließlich die deutsche Nationalmannschaft.

Dabei bin ich selbst ein riesiger WM-Fan. Ich weiß noch genau, wie ich als Neunjähriger geweint habe, als Brasilien bei der WM 90 gegen Argentinien ausschied. Noch mehr Tränen flossen vor Freude, als wir 1994 den Titel holten. Wenn man älter wird und selbst spielt, verändern sich diese Fan-Gefühle natürlich, aber der Traum von der Weltmeisterschaft blieb immer lebendig.

Dass ich die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen durfte, berufen wurde und an einer WM teilnehmen konnte, kommt mir selbst heute noch surreal vor. Denn man ist schließlich in einer der größten Fußballnationen der Welt – da reicht es nicht, einfach nur eingebürgert zu sein, die Leistung muss absolut stimmen. Dieses Land vertreten zu dürfen, so großartig aufgenommen zu werden und bei einer historischen WM in Afrika dabei zu sein, erfüllt mich bis heute mit tiefem Stolz.

Als der damalige Bundestrainer Joachim Löw Sie anrief: Gab es da Zweifel in Ihrem Kopf oder war es eine leichte Entscheidung?

Natürlich wächst man in Brasilien mit dem Traum auf, für die Seleção zu spielen. Aber eine Karriere verläuft manchmal in Bahnen, die man sich niemals hätte ausmalen können. Als das Angebot kam, wollte ich Gewissheit haben, ob ich für Brasilien überhaupt ein Thema war, um die richtige Entscheidung zu treffen.

Ich habe Jorginho kontaktiert, den damaligen Co-Trainer von Dunga bei der Seleção. Ich wollte nicht plump nachfragen, sondern habe den klassischen Weg gewählt: 'Du, nur zu deiner Information: Ich habe hier eine Einladung für die deutsche Nationalmannschaft vorliegen.' Er antwortete nur: 'Mensch Kumpel, das freut mich riesig für dich! Herzlichen Glückwunsch, mach weiter so und viel Erfolg!' (lacht)

Das war für mich das Signal, dass sich die Tür in Brasilien wohl nicht öffnen würde. Also habe ich die Einladung von ganzem Herzen angenommen. Ich sage immer voller Überzeugung: Deutschland hat mich adoptiert, und ich habe für dieses Land alles gegeben.

Sie kamen damals nach München, um in der 5. Liga zu spielen. Haben Sie je an den Abschied vom Fußball gedacht, als man Ihnen sieben Monate lang kein Gehalt zahlte?

Das war eine extrem harte Zeit. Mein Gehalt war ohnehin winzig – 500 Mark im Monat, also etwa 250 Euro. Ich wohnte bei einem Freund, der mich damals aufnahm, mir täglich zu essen gab und mich unterstützte. Und dann folgten sieben Monate ohne einen Cent Gehalt, während ich im tiefsten Schnee trainierte. Trotz dieser Umstände habe ich nie ans Aufgeben gedacht. Eine Rückkehr nach Brasilien war keine Option, denn dort hatte ich sportlich keine Perspektive mehr.

Was war Ihr allergrößter Kindheitstraum, als Sie mit dem Fußballspielen anfingen?

Mein Traum war schlichtweg, Profi zu werden, um meiner Familie zu helfen. Ich wollte meiner Mutter ein schönes Leben ermöglichen und ihr ein eigenes Haus schenken. Dass mir das vergleichsweise früh gelang, war das größte Glück. Alles andere – die Tore, die Titel – kam danach. Aber am Anfang ging es schlicht ums Überleben, verstehen Sie? Sportlicher Erfolg war für mich untrennbar damit verbunden, meiner Familie eine sichere Zukunft zu bieten.

Hatten Sie eine sehr schwere Kindheit?

Ja, wir kamen aus sehr armen Verhältnissen. Mein Vater war leider alkoholkrank und musste häufiger im Krankenhaus behandelt werden. Meine Mutter hat als Putzfrau geschuftet und alles getan, um uns durchzubringen und uns das Bestmögliche zu bieten. Wir Brüder haben versucht, ihr das durch gute Leistungen in der Schule zurückzugeben. Der Fußball war für mich das Ventil, um Anerkennung zu finden und uns den Weg in ein besseres Leben zu ebnen.

Wenn man im brasilianischen Amateursport groß wird, spielt man teilweise in sehr gefährlichen Vierteln von São Paulo. Spürt ein Spieler mit diesem Hintergrund überhaupt noch Druck, wenn er in eine ausverkaufte Allianz Arena einläuft?

Das ist ein völlig anderer Druck. Im Profibereich ist es ein sehr positiver Druck. Ich habe damals in Vierteln wie São Miguel Paulista, Ermelino Matarazzo oder Itaim Paulista gespielt. Ich erinnere mich an ein Spiel mitten in der Favela, bei dem mir ein Traumtor mit links genau in den Winkel gelang. Ich war natürlich glücklich über das Tor und den Sieg, aber ehrlicherweise noch glücklicher, als ich aufgrund der dortigen Gefahren wieder sicher im Bus saß.

Ein anderes Mal führten wir auswärts mit 4:0, und die gegnerischen Jungs raunten mir zu: 'Hey Kumpel, hör auf zu treffen. 4:0 reicht, du demütigst uns hier gerade. Was machst du da? Du entschuldigst dich lieber ganz schnell!' (lacht)

All diese Erfahrungen prägen dich fürs Leben. Im Profifußball ist der Druck zwar auch da – du stehst in einem perfekten Stadion auf makellosem Rasen vor 50.000 Menschen und willst keine Fehler machen –, aber das ist die Ernte für die Saat, die man damals unter härtesten Bedingungen gesät hat. Dort spielen zu dürfen und Titel zu gewinnen, ist ein absolutes Privileg. Deshalb ist dieser Druck nicht zu vergleichen.

Fehlt den heutigen brasilianischen Spielern vielleicht die Fähigkeit, mit diesem Druck umzugehen?

Ich glaube, manchen fehlt das Bewusstsein dafür, was die Alternative zu diesem Druck wäre. Kein Druck im Profifußball zu haben bedeutet schließlich, im Amateurbereich zu kicken, nicht zu gewinnen oder auf einem ganz anderen Niveau zu sein. Man muss begreifen, dass es ein echtes Geschenk ist, dort oben zu stehen.

Natürlich spielen heute auch andere Faktoren eine Rolle. Die Spieler wachsen mit den sozialen Medien auf und sollen schon mit 12 oder 13 Jahren der nächste Pelé, Ronaldinho oder Neymar sein. Dennoch überrascht es mich, wenn Profis heute über 'zu viel Druck' klagen. Druck gehört einfach dazu. Ein Spiel ganz ohne den Druck von Trainern, Fans oder Medien würde doch komplett seinen Reiz verlieren.

Was war der intensivste Druck, den Sie je in Ihrer Karriere gefühlt haben?

Das Gruppenspiel gegen Ghana bei der WM 2010 war mental wahrscheinlich die größte Herausforderung. Nach dem Auftaktsieg gegen Australien hatten wir das zweite Spiel gegen Serbien verloren. Bei einer Niederlage gegen Ghana wäre Deutschland zum ersten Mal in der WM-Geschichte in der Vorrunde ausgeschieden.

Weil Miroslav Klose gegen Serbien Rot gesehen hatte, stand ich in der Startelf. Im Stadion saßen über 90.000 Menschen, weltweit schauten eine Milliarde Zuschauer zu, und über allem schwebte diese eine Frage. Ich weiß noch, wie ich mit Kopfhörern und lauter Musik ins Stadion ging und mir immer wieder vorsagte: 'Das ist ein ganz normales Spiel. Geh da raus und tu das, was du schon dein ganzes Leben lang machst.'

Man muss seinen Kopf austricksen und darf sich nicht von den Emotionen überwältigen lassen, sonst bricht man unter der Last zusammen. Wenn man so ein Spiel dann gewinnt und weiterkommt, geht man mental gestärkt aus der Situation hervor.

Was war für Sie die größere Freude: Ihre Mutter im WM-Stadion zu sehen oder Ihr eigenes Tor?

Das war ein absolutes Wechselbad der Gefühle. Erst die Nominierung, dann die Einsätze, das Tor gegen Australien – und mitten im Turnier verletzte ich mich und verpasste die großen K.-o.-Spiele gegen England, Argentinien und Spanien. Ich hatte mir eine Rippe gebrochen, was leider erst viel zu spät diagnostiziert wurde. Aber ich biss auf die Zähne und sagte mir: 'Egal, im Spiel um Platz drei stehe ich auf dem Platz.'

Meine Mutter, meine Brüder und mein Vater saßen auf der Tribüne. Ich weiß noch genau, wie wir vor den Nationalhymnen einliefen und ich den Blickkontakt zu ihnen suchte. Dieser Moment hat sich tief in mein Herz eingebrannt und ist bis heute kaum in Worte zu fassen.

Wenn Sie an die Weltmeisterschaft 2010 zurückdenken: Was schießt Ihnen als Erstes in den Kopf?

Neben meinem Tor gegen Australien sind das ganz klar die Vuvuzelas. Aber auch die packenden WM-Songs, die damals eine unglaubliche Atmosphäre transportiert haben. Und natürlich bleibt das Tor zum 4:0-Endstand im Auftaktspiel gegen Australien für immer ein unvergesslicher Meilenstein in meinem Leben.

Haben die Vuvuzelas die Spieler auf dem Platz eigentlich genauso genervt wie die Zuschauer vor dem Fernseher?

Und wie! Es war wirklich furchtbar. Auf dem Platz konntest du dich kaum verständigen, geschweige denn taktische Anweisungen verstehen. Es war ein einziger, ununterbrochener, enervierender Summton – das war extrem anstrengend.

Und wenn Sie an das Jahr 2007 zurückdenken – die bis dato letzte Meisterschaft des VfB Stuttgart –, welches Bild haben Sie da sofort vor Augen?

Die Erinnerung an den Schlusspfiff am letzten Spieltag, der Heimsieg und das völlig explodierende Stadion. Wir lagen gegen Cottbus früh 0:1 hinten, haben das Spiel gedreht, und die Fans durften nach 15 Jahren endlich wieder den Titel feiern. Danach die Fahrt im Autokorso durch die Stadt vor über 200.000 Menschen... Unfassbar.

Wenn heute die Bundesliga startet, scheint der Meister oft schon vorab festzustehen. Ist das ein Problem für die Attraktivität der Liga und wie lässt sich das lösen?

Es ist ohne Zweifel ein Problem. Allerdings hat die Dominanz der Bayern auch eine Kehrseite: Die Konkurrenz hat in den entscheidenden Momenten oft nicht fehlerfrei geliefert. Die Bayern haben in den letzten Jahren durchaus Schwächen gezeigt, aber die anderen Vereine konnten es nicht nutzen. Es gibt einen viel zu großen Respekt vor den Münchnern; manchmal hat man das Gefühl, Mannschaften feiern es schon, wenn sie dort nur mit einem Tor Unterschied verlieren.

Die Klubs müssen einfach mutiger werden.

Über künstliche Regulierungen wie eine Gehaltsobergrenze lässt sich das Problem schwer lösen, da man sonst im internationalen Vergleich in Europa den Anschluss verliert. Der Fußball lebt von der Überraschung, und ich hoffe, dass wir davon in den kommenden Jahren wieder mehr sehen. Bayer Leverkusen hat vor zwei Jahren ja eindrucksvoll gezeigt, wie es gehen kann. Hoffentlich zieht bald wieder ein Verein nach.

Sehen Sie die deutsche Nationalmannschaft bereit für die anstehende Weltmeisterschaft?

Die Mannschaft befindet sich nach wie vor in einer Findungsphase. Das liegt an verschiedenen Faktoren: Verletzungssorgen, Formtiefs einzelner Akteure und eine Qualifikation, die spielerisch nicht gerade den Erwartungen entsprach. Für mich gehört Deutschland eher zum erweiterten Favoritenkreis. Das Potenzial und die Talente sind da. Wenn sich das Team findet und die richtige taktische Formation erwischt, in der jeder seine Stärken optimal einbringen kann, wird es schwer, Deutschland zu schlagen.

Welcher deutsche Spieler könnte beim Turnier überraschen?

Für mich die größte Trumpfkarte – auch wenn es eigentlich kein Geheimnis mehr ist – ist Lennart Karl vom FC Bayern. Ein fantastisches junges Talent, das sowohl im Verein als auch im Nationaltrikot mit enormer Reife agiert. Seine Qualitäten im Eins-gegen-Eins und sein starker linker Fuß bringen genau das Element mit, das dem modernen Fußball und auch dem deutschen Spiel extrem guttut.

Was war Ihre härteste Erfahrung mit Felix Magath, Ihrem ehemaligen Stuttgarter Trainer, der für seine fast militärischen Trainingsmethoden berüchtigt war?

Ich hatte eigentlich nur Stress mit ihm! (lacht) Das war noch die ganz alte Schule. Ein brutaler physischer und psychischer Druck. Du hast morgens trainiert und wusstest nicht, ob du nachmittags noch mal ran musst. Wenn du morgens um halb acht zum Waldlauf angetreten bist, hattest du keine Ahnung, wie weit oder wie schnell gelaufen wird. Manchmal dachtest du auf dem Rückweg, es sei geschafft, und dann hieß es: 'Noch eine Runde!'

Es war rückblickend eine wertvolle Erfahrung, weil ich gelernt habe, über meine Grenzen zu gehen – aber ein Jahr davon war dann auch völlig ausreichend (lacht). Mit solchen Methoden erreichst du die Spieler von heute definitiv nicht mehr.

 

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